Film/Kino/TV
Postwendekinder: Sie wachsen in einem wiedervereinigten Deutschland auf und kennen die DDR nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern. Sie spüren jedoch die ostdeutsche Identität durch die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern, durch strukturelle Unterschiede im Alltag und mediale Zuschreibungen: Der Osten als Abweichung von der Norm, als Krisenregion, geprägt von Demokratiezweifeln.
Doch ist das stereotypische Bild des Ostens auch wirklich der Osten? Es gibt sie, die vielfältigen Sichtweisen - und sie werden von jungen Filmschaffenden erzählt. Auch in den Kurzfilmen dieser Ausgabe. Was bedeutet ostdeutsche Identität für sie? Wie lässt sich die Ostalgie bei der Gen Z erklären? Und was wünscht sich die vierte Generation Ost für den Diskurs um die Zukunft?
In dieser "unicato"-Ausgabe sprechen wir mit Menschen, die zeigen, wie vielfältig ostdeutsche Sichtweisen sind. Mit Vanessa Beyer, Co-Gründerin von k_einheit, sprechen wir über die Lebensrealitäten der Gen Z aus Ostdeutschland, das Miteinander in der Gesellschaft sowie ihren Blick nach vorn. Mit dem Animationskünstler Merlin Rainer reden wir über die ostdeutsche Hardtekk-Szene und seinen handgezeichneten Film "Upload DDR". Filmemacherin und Künstlerin Antje Seeger zeigt mit dem Experimentalfilm "FMT8", wie wenig und gleichzeitig wie stark sich ihre thüringische Heimatstadt Artern seit der Wende verändert hat. Dabei erzählt sie auch, welche Weichen für die Zweite Generation Ost gestellt wurden und welchen konkreten Einfluss diese auf ihr Leben hatten. In "SOM DOM" werden Mira Dubian und Luka L?tko bei der Arbeit an ihrem Kurzfilm begleitet, in dem sie versuchen, queere Themen in ihre vermeintlich konservative sorbische Community zu integrieren. Mit den beiden sprechen wir über die sorbische Sprache und über queere Lebensrealitäten in ihrem Umfeld.
Filme in der Sendung
Upload DDR von Merlin Rainer (Animadok, DE 2024, 8 Minuten)
Zwischen rechter Vereinnahmung und ostalgischem Hype: HardTekk zieht vor allem im Osten viele junge Leute an. Der handgezeichnete Film zeigt DJs wie JilliTekk, die Musik zum Anlass nehmen, sich als Nachwendegeneration mit der DDR auseinanderzusetzen.
FMT8 von Antje Seeger (Experimentalfilm, DE 2024, 3 Minuten)
Auf dem höchsten Punkt der ostdeutschen Kleinstadt Artern in Thüringen steht der "Der lange Harald". Ein Funkmast vom Typ FMT8 benannt nach dem damaligen Bürgermeister, dem ersten nach der Wende. Beides waren Westimporte mit dem Versprechen einer glorreichen Zukunft. Doch dann kippt das Bild.
Som Doma von Lukas Mutschler, Luca-Els Mauritz (Dokumentarfilm, DE 2024, 29 Minuten)
"Wenn meine Lausitz nicht mehr sorbisch ist, dann randaliere ich!" - so das Motto der jungen Sorb*innen Mira und Luka. In "Som Doma" werden die beiden bei der Arbeit an ihrem Kurzfilm begleitet, in dem sie versuchen, queere Themen in ihre vermeintlich konservative sorbische Community zu integrieren. Zwischen der aussterbenden sorbischen Sprache und queerfeindlichen Stimmen in ihrem Umfeld suchen Mira und Luka einen Platz in ihrer Heimat.
Gäste
Vanessa Beyer macht sichtbar, was lange übersehen wurde. Als Co-Gründerin von k_einheit sorgt sie dafür, dass junge Ostdeutsche ihre eigene Geschichte erzählen - laut, differenziert und auf Augenhöhe. Statt sich mit alten Narrativen abzufinden, will sie neue prägen - mutig, kreativ und gemeinsam mit denen, die den Osten heute gestalten. Mit k_einheit hat Vanessa eine Plattform geschaffen, die junge ostdeutsche Perspektiven hörbar macht und gesellschaftlichen Wandel vorantreibt. Der Seriendokumentarfilm " Einheit - Wie die Gen Z über den Osten denkt" bringt die Lebensrealitäten junger Menschen in den öffentlichen Diskurs. Durch Workshops, Diskussionen und mediale Formate fördert die Initiative intergenerationale Gespräche, baut Brücken zwischen Ost und West und schafft Räume für Selbstwirksamkeit. Ihr Ziel: eine neue Erzählung des Ostens, geprägt von denen, die ihn heute gestalten.
Merlin Rainer studierte in der Klasse für Malerei und Grafik bei Prof. Kerstin Drechsel an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ihn interessiert der Blick auf digitale Bilder durch eine analoge Praxis. Im Rahmen des Erasmus+-Programmes arbeitete er 2023 im Atelier von Thomas Hirschhorn in Paris. Die für den Studienpreis eingereichte Arbeit "Upload DDR" entstand im Seminar "AUFBRUCH und ERINNERUNG" von Dieter Daniels und wurde während des Lichtfests Leipzig 2024 auf dem Augustusplatz gezeigt. Der Animadok ist vollständig handgezeichnet und zeigt, wie die elektronische Musikrichtung HardTekk besonders junge Ostdeutsche anspricht.
Die Künstlerin und Filmemacherin Antje Seeger arbeitet an den Schnittstellen von Installation, Intervention, Fotografie und Film. In Ihren Arbeiten untersucht sie Bilder und ihre Produktionsbedingungen als Akteure gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Ihre Werke waren bereits international zu sehen. Antje Seeger legte 2012 ihr Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ab. In ihren Arbeiten untersucht sie die Ambivalenz von gesellschaftlichen Wertvorstellungen, öffentlicher Rede und tatsächlichen Handlungen, die Rolle von Kunst und Kritik in der spätbürgerlichen Gesellschaft sowie die Funktion von Bildern im Hinblick auf kollektive Übereinkünfte und Heilprozesse. Für ihre raumgreifende Installationen, Videoinstallationen oder Video Walks erhielt Seeger zahlreiche Projektförderungen sowie Arbeits-, Recherche- und Reisestipendien: z. B. durch die Landeshauptstadt Dresden, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die Bundeskulturstiftung sowie durch das Land Oberösterreich und Niederösterreich. Seeger lebt und arbeitet als Künstlerin und Kuratorin in Dresden.
Mira Dubian, aufgewachsen in Dissen bei Cottbus, ist mit der sorbischen Sprache und Kultur aufgewachsen. Nach einem Jahr in Odessa studiert sie Ostslawistik in Leipzig. Im Jahr 2019 drehte Dubian gemeinsam mit anderen Schülern des Niedersorbischen Gymnasium ihren ersten Kurzfilm - "Zymske Prozniny", ein dokumentarischer Kurzfilm über sorbisches Leben in der DDR. Im Jahr 2021 gewann ihr experimenteller Kurzfilm "SE PADA" den Sonderpreis der Stiftung fürs sorbische Volk bei der Lausitzer Filmschau.
Luka L?tko, Kulturschaffender, Filmemacher, und Absolvent des Sprachrevitalisierungsprojekts Zorja, beschäftigt sich vorrangig mit niedersorbischen, queeren und feministischen Themen. L?tko gewann mit seinem Filmdebüt "PYTA? A NAMAKA? - Vom Suchen und Finden" beim Filmfestival Cottbus den Filmförderpreis "Akcija!" (2022) und den Nachwuchspreis der Stiftung für das sorbische Volk (2023). Der Dreh zu "PYTA? A NAMAKA?" wurde dokumentarisch begleitet von Luca-Els Mauritz und Lukas Mutschler, Studierende der HFF München. Es entstand der Dokumentarfilm SOM DOMA (2024).
Das Regie-Duo L?tko und Dubian ist Teil des "Kollektiw Wakuum" für Kunst und Subkultur, das sorbische Tradition und Erfahrungen mit subkulturellen und künstlerischen Ansätzen neu interpretiert.
| Donnerstag | 01.10. | 00:25 Uhr | MDR |
unicato Lebensrealitäten Ost - Generation Einheit |