Dokumentation
Mit Stolz und Euphorie wird 1966 der erste Atommeiler auf ostdeutschem Boden im märkischen Rheinsberg, am dünn besiedelten Rande der Müritz, feierlich eingeweiht, wenn auch mit fünf Jahren Verspätung und kleiner als geplant. Das Geschenk aus der Sowjetunion markiert den glanzvollen Auftakt ins Zeitalter der friedlichen Atomnutzung im Arbeiter- und Bauernstaat. Das DDR-Fernsehen dokumentiert die Arbeitsprozesse im Kernreaktor mit großem Aufwand.
Die Prognosen sind ehrgeizig: bis 1970 sollen 20 volkseigene Kernkraftwerke ans Netz gehen, um die Unterversorgung der DDR mit Energie zu beenden. Nur ein einziges weiteres Kernkraftwerk ist im Bau am Rande von Lubmin, einem malerischen Ostseebad, damals eine der größten Atomanlagen Europas. 1974 wird dieser neue Kernrektor angefahren, gilt als hochmoderner Zukunftsbetrieb, um ein Vielfaches leistungsstärker als der Pionier im Kleinformat in Rheinsberg. Ein drittes Kernkraftwerk in der Nähe von Stendal soll wiederum Lubmin übertreffen.
In der DDR wird Atomstrom als sichere und saubere Energie im Gegensatz zur umweltverschmutzenden Braunkohle geschätzt. Entsorgung von Atommüll ist kein großes Thema, weil die UdSSR die abgebrannten Brennstäbe zurücknimmt. Störfälle werden jahrelang intern vertuscht, atomare Risiken selbst nach dem Super-GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 kleingeredet.
Auf Linie mit der Parteiführung geht von den eigenen Kernkraftwerken nach sowjetischer Bauweise angeblich keine Gefahr aus. Im Umfeld der evangelischen Kirche werden Umweltgruppen aktiv, die sich mit kritischen Fragen und Protestveranstaltungen Gehör verschaffen wollen, erst recht nach der friedlichen Revolution im Herbst 89. 1990 werden die Kraftwerke in Rheinsberg und Lubmin, die nach BRD-Maßstäben als Sicherheitsrisiko gelten, abgeschaltet, in Stendal wird nicht weitergebaut.
Marlies Philipp erzählt, wie sie 1979 als Kristallografin in der Werkstoffabteilung des KKW Greifswald angefangen hat und später für den Rückbau als Ingenieurin an einer Freimessanlage zuständig war: "Alle Teile, die abgebaut und dekontaminiert wurden, mussten, bevor sie zum Schrotthändler oder auf eine Deponie gingen, freigemessen werden. Das ganze Kraftwerk kam in kleinen Europaletten bei mir durch."
Jörg Möller kam schon als Kind 1961 nach Rheinsberg. Sein Vater, Physiker und Konstrukteur, gehörte zur ersten Garde, die Rheinsberg in Betrieb nahmen. Heute ist er Projektmanager beim Rückbau.
Das Ende der Kernenergie Made in GDR ist seit der Wiedervereinigung besiegelt. Die neueste Prognose für den kompletten Rückbau bis zur grünen Wiese: 2045.
| Von | Lutz Pehnert | |

Die Blockwarte des früheren Atomkraftwerks in Rheinsberg (Brandenburg), aufgenommen am 26.04.2016. Sie kontrollierte und steuerte die Systeme der Elektroversorgung, Trinkwasser, Heizung und Lüftung.