Infomagazin, Deutschland 2025
Die Menschen scheinen so zerstritten zu sein wie nie. Im Internet, in den Medien, bei der Familienfeier: Man könnte den Eindruck bekommen, dass alle gar nichts mehr gemeinsam haben. Und der Ton wird auch immer rauer. Wie kommen alle wieder zusammen? Was, wenn die Antwort ganz überraschend wäre? Denn: Die Menschen müssen mehr streiten! Nicht jeder Streit muss weltbewegend sein, aber oft fühlt er sich so an. Auch, wenn es nur um die Frage geht, ob Ananas auf die Pizza darf. Schon verlieren einige die Fassung und gehen in den Angriffs- oder Fluchtmodus. Warum ist das so?
Die Forschung zeigt, dass die Menschen gar nicht anders können: Streit stresst sie. Schon der kleinste Widerspruch kann das Streitzentrum im Gehirn in Alarmbereitschaft versetzen, weiß Tali Sharot, Neurowissenschaftlerin an der University of London. Allerdings ist das nicht nur schlecht: "Gefühle im Streit sind ein Kompass, um zu erkennen, was uns wirklich wichtig ist", erklärt Psychologe Rune Miram von der Universität der Bundeswehr in München. Denn hinter kleinen Streitigkeiten im Alltag stecken oft tiefgehende Probleme. Um genau diese zu lösen, betont Hugo Mercier, Kognitionswissenschaftler am Pariser École normale supérieure, dass Streit für Menschen schon immer wichtig war. Denn nur so konnten sie Regeln für das Zusammenleben in der Gemeinschaft festlegen.
Und ist auch die Demokratie am Ende nicht vor allem ein Regelwerk, um konstruktiv streiten zu können? Caja Thimm, Medienwissenschaftlerin an der Uni Bonn, warnt deshalb vor den Gefahren, wenn Streitkultur, besonders im Internet, immer weiter verroht - wenn Menschen nur noch in den Austausch kommen, um sich gegenseitig zu beleidigen. Eine gute Lösung für die drängenden Fragen der Gegenwart findet man eher, wenn man viele Perspektiven und Argumente kennt. Herausfinden können die Menschen das allerdings nur, wenn sie miteinander streiten. Und zwar richtig.