Land und Leute, Deutschland 2026
Auf dem Lainthaler Hof in Niederaudorf lebt die Familie Pichler. Jetzt steht ein Generationenwechsel an: Martin soll den Hof übernehmen, seine Frau Barbara ist schwanger. Doch wie soll man einen Hof übernehmen, wenn niemand weiß, was in wenigen Jahren mit den eigenen Feldern passiert?
Der Grund ist die geplante Bahntrasse im Rahmen des Brennerbasis-Tunnels durch das obere Inntal. Nördlich des Klosters Reisach bei Oberaudorf soll eine rund 2,5 Kilometer lange, oberirdische viergleisige Verbindungsstrecke bis nach Flintsbach für den Brenner-Nordzulauf entstehen. Sie soll es ermöglichen, dass Züge aus verschiedenen Richtungen die Gleise wechseln und überholen können. Seit acht Jahren warten die Betroffenen auf detaillierte Planungen. Im kommenden Winter soll der Bundestag über die endgültigen Baumaßnahmen entscheiden.
Für Martin Pichler geht es dabei nicht um irgendein Stück Land. Es geht um den Hof, den seine Familie seit 400 Jahren bewirtschaftet - und um die Frage, ob er ihn an seine eigenen Kinder weitergeben kann. Sein Nachbar, die Familie Waller vom Gasthof und Hotel Keindl ist genauso in Sorge. Senior Sepp Waller: "Meine Vorfahren würden sich im Grab umdrehen."
Doch auch die Almen im Sudelfeldgebiet sind betroffen. Kathi Kern, Rosenheimer Kreisbäuerin ist auf die Bauern im Tal angewiesen. Ihre Tiere kommen im Sommer von den Höfen hinauf auf die Bergweiden. Werden durch die Bahntrasse und die damit verbundenen Eingriffe immer mehr Talbetriebe aufgegeben, fehlen die Tiere auf den Almen. Eine fast 1.000-jährige Kultur gerät damit in Gefahr. Die Folge: Verbuschung und der Verlust einer offenen Kulturlandschaft im größten bayerischen Almengebiet.
In Flintsbach trifft es Karl Liegl besonders hart. Die geplante Trasse soll direkt an seinem Hof vorbeiführen. Für die Großbaustelle werden seine Felder gebraucht - ausgerechnet dort, wo das Inntal besonders eng ist. Trotzdem denkt Liegl nicht daran, seine Landwirtschaft aufzugeben. Er investiert in mehr Kuhkomfort und bildet vier junge Menschen aus. Er versucht, nach vorne zu schauen, obwohl die eigene Zukunft kaum planbar ist.
Man sieht und spürt die enge Verwurzelung der Bauern mit ihrer Heimat. Auf der anderen Seite wissen sie, dass eine leistungsfähige Bahn gebraucht wird. Aber sie fragen sich, welchen Preis dieser Fortschritt haben darf - und ob es nicht auch eine Lösung geben kann, die weniger tief in eine über Jahrhunderte gewachsene Landschaft eingreift.
| Andere Personen | Autor: Andi Niessner, Kontakt: Corbinian Lippl | |